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Charttechnik – Die Philosophie des Bondaffen

CHARTTECHNIK – Die Philosophie des Bondaffen – Ein anderer Blickwinkel

Charttechnik! Was ist das überhaupt? Was macht jemand, der sich mit „Charttechnik“ beschäftigt?

Ich selbst stehe der Charttechnik durchaus positiv gegenüber, würde mich selber aber nicht als Charttechniker bezeichnen. Die Fixierung rein auf die Charts und das als „non plus ultra“ zu bezeichnen, trübt schon wieder den Blick auf das Wesentliche. So einfach geht’s nicht.

Ich benutze aber die Charttechnik gern. Ich ziehe Elemente, Analysemethoden, Indikatoren, Berechnungen, uvm. aus dem „Universum Charttechnik“ für meine Beurteilungen und Markteinschätzungen heran. Wenn es Sinn macht, wenn ich Zusammenhänge zwischen Kursverläufen und Indikatoren erkenne, fällt es mir leichter mögliche Entwicklungen einzuschätzen. Auch hier gilt: „What goes up, must come down“. Nur wann weiß man, „ob etwas ganz oben notiert“?

Die Charttechnik in Form ausgewählter und selbst eingestellter bzw. ausprobierter Indikatoren unterstützt den interessierten Beobachter ungemein. Es gibt dann Zeitpunkte, da weiß man „wann ganz oben ist“.

An der grafischen zeitlichen Darstellung von Zahlenreihen gibt es nichts auszusetzen. Jedes herkömmliche Tabellenkalkulationsprogramm hat eine Funktion, mit der sich ausgewählte Zahlenreihen grafisch darstellen lassen. Die Vielfalt von darzustellenden Diagrammen ist enorm und die wenigsten Menschen merken, wie sie über diese Art der Informationszustellung geführt werden.

Nehmen Sie beliebige Sportergebnisse. Stellen Sie den jährlich letzten Tabellenplatz Ihres Lieblingsfußballvereins grafisch als Linienchart dar. Der Chart des „FC Bayern“ wird anders ausschauen, als der des „VFL Wolfsburg“. Es kommt nur auf die Betrachtung an und was man daraus liest. Ein „Chartleser“ verfügt über eine gewisse Übung in solchen Dingen. Aber letztendlich macht man Aussagen über die Wahrscheinlichkeiten des künftigen Verlaufs und ich gebe zu, das ist beim FCB einfacher als beim VFL. Aber was die nächste Saison bringt, weiß man eben doch nicht genau. Nur hinterher zeigt es der Chart an. Ängstliche, aber selbstdarstellerische Expertennaturen schmücken sich dann mit der Aussage: „Das habe ich Ihnen bei Saisonstart schon gesagt!“, obwohl man zu diesen Zeitpunkt nie und nimmer etwas von dieser Person gehört hat.

Finanzmarktcharts sind anders zu handhaben. Denn die Preise der verschiedenen Produkte an den Finanzmärkten spiegeln die Erwartungen der Marktteilnehmer an die Zukunft wider. Umgekehrt wird in diesem Falle tatsächlich die Zukunft zur Gegenwart. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die Entwicklung des irischen Aktienmarktes in den Jahren 2007/2008. Während die europäischen Aktienmärkte und der DAX bis Anfang 2008 auf hohen Niveaus notierten, ging der irische Markt schon seit Mitte 2007 beträchtlich zurück. Der Markt bzw. der Chart zeigte es an, die Aktienkurse fielen. Nur was war der Auslöser? Geraume Zeit später erfuhren wir, dass es dem irischen Bankensektor sehr, sehr schlecht ging und die irischen Bankaktien für den Rückgang des Index verantwortlich waren. Die Insider und Wissenden hatten ihre Aktien daher verkauft und die Nichtinformierten hatten keine Erklärung. Der Chart zeigte es aber gefühllos an.

Das sollte das Ziel des kritischen Beobachters sein, nämlich die Bewegungen im Vorfeld zu erkennen. Die fundamentalen Gründe für bestimmte Bewegungen wird man erst später erfahren. Es gilt: Der Chart lügt nie. So kann man mit bestimmten Indikatoren und Analysemethoden diese Entwicklungen auf eine andere Weise sichtbar machen. Der Chart outet sich quasi selbst, denn ein aufgesetzter Indikator ist nur eine Art Fremdsprache, in der ein Kursverlauf mit dem Analysten spricht. Man muß nur genau hinhören bzw. den Kursverlauf kritisch beäugen und dann erkennt man möglichen Entwicklungen, die „man nicht glauben will oder kann“. Das ist das grundsätzliche Dilemma, denn der Chart wird die persönlichen Zweifel nicht ausräumen. Der Chart bleibt stets neutral und der Markt lügt nicht.

Der Chart zeigt die psychologische Komponente an. Ein einfacher Chart, ein Kursverlauf ist somit die „psychologische Visualisierung“ jedes Marktes, jedes Produkts. Er zeigt an was war, was ist und wenn bestimmte Konstellationen erreicht sind, was recht wahrscheinlich sein wird. Mit Hilfe einer gewissen Technik bzw. den Instrumenten ist es möglich, den Chart zum Sprechen zu bringen. Es erfordert eine gewisse Übung und Kunst diese Sprache zu verstehen, denn man wird nie alles verstehen. Die Zukunft gibt sich gern undurchsichtig was Überraschungen angeht.

Kurze Entwicklungen erkennt man auf Tagesbasis der Kurse. Die langfristigen Entwicklungen erkennt man auf Basis von Monatsendwerten und deren Aussagen sind durchaus recht konkret und aussagekräftig. Denn Trendwechsel vollziehen sich nicht von heute auf morgen, sondern benötigen ihre Zeit. Dabei kommt es meist zu hohen Schwankungen.

Man muß das Rad nicht neu erfinden. Kursanzeigen als Candlesticks, einfache Indikatoren wie gleitende Durchschnitte, ein richtig eingestellter MACD, ein Parabolic SAR, ein oder zwei einfache Oszillatoren genügen zu einer aussagekräftigen Analyse vollkommen. Auch ein Bull&Bear-Histogramm oder Bollinger-Bänder sind unterstützend recht aufschlussreich. Von geometrischen Figuren wie Dreiecken, Rechtecken und Fibonaccis halte ich nichts und von japanischen Indikatorendesignern aufgesetzte Modelle bringen nur Verwirrung. Manche Indikatoren sind nur Quatsch und unbrauchbar. Einfache Lösungen genügen vollkommen, keep it simple. Trotzdem soll jeder Chartanalyst mit seinen eigenen Indikatoren glücklich werden. Das waren jetzt die richtigen Zutaten, dennoch bedarf es noch eigenen Nachdenkens was der Chart sagen will. Das sind dann die persönlichen Geheimnisse des Chartverstehers.

In einem simplen Chart ist alles drin: die persönlichen Einschätzungen und fundamentalen Erwartungen der kleinen und großen Marktteilnehmer, von den Kleinaktionären bis zu den Global Playern. Ängste, Hoffnungen, Manipulationen, Insiderwissen, gebrochene Stopp-Loss-Marken, berechnende Anlagemodelle und Handelssysteme, die Outperformance generieren sollen, unberechenbare Algorithmen, die ihr Unwesen treiben, Tradingfallen, Chartmusteranalysen und viele andere Gründe und Absichten formen den Kurs. Langfristig orientierte Anleger, die nichts tun und den Kursen freien Lauf lassen, formen ebenfalls mit.

Zum Schluß bleibt nur eines übrig: man muß auch das glauben und annehmen, was die Chartanalysetools als Ergebnis abliefern. Das ist meist nicht einfach, denn in den vielen Situationen glaubt man es selbst nicht so recht und muss das Ergebnis akzeptieren, wie es ist. Nach außen hin wird einem vielleicht noch weniger geglaubt. Es ist einfacher mit seinem Bauchgefühl als Marktmeinung und Begründung zu überzeugen, als mit verwirrend bunten Linien oder Punkten oder grau schraffierten Kursbereichen.

Ein Blick auf den Kursverlauf, nicht auf eine Chartanalyse, ist stets vorteilhaft und im Prinzip notwendig. Auch die älteste Vergangenheit und die jüngste Gegenwart ist stets als Wert präsent. Denn der Chart gibt immer Informationen preis, die andere nicht haben.

Im August 2015

DER BONDAFFE

HINWEIS: Die in diesem Inforationsangebot zur Verfügung gestellten Charts  (eigene und fremde) und deren Inhalte dienen NUR der allgemeinen Information und sind nicht als Handelsaufforderung jeglicher Art zu interpretieren oder gedacht. Lesen Sie bitte die in diesem Zusammenhang stehende Haftungsausschluss.