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Management der Erwartungen

MANAGEMENT DER ERWARTUNGEN

Die Realwirtschaft ist etwas Handfestes, die Wirtschaft, die sich mit dem Handel realwirtschaftlicher Güter befaßt, also Handelswaren aller Art. Dinge die der Mensch benutzt, Dinge die der Mensch anfassen und gebrauchen kann. An den Finanzmärkten ist es etwas schwieriger, denn was wird da gehandelt? An den Edelmetall- oder Rohstoffmärkten kann man sich einen richtigen, physischen Goldbarren noch vorstellen, ein Faß Öl oder eine Baumwollplantage sieht man im geistigen Auge vor sich. Aber das war’s auch schon.

An den Börsen wird der Wert der Zukunft gehandelt. Der genannte Goldbarren oder das Faß Öl haben sich schon lange in einen spezifizierten, standardisierten Termin- oder Futureskontrakt einer Terminbörse verwandelt. Übertrieben ausgedrückt darf der Vergleich mit handelsüblichem Erdbeerjoghurt nicht fehlen. Jährlich werden weltweit gar nicht so viele Erdbeeren produziert, wie gleichnamiger Joghurt produziert wird. Da müssen wohl ein paar Geschmacks- und Zusatzstoffe als Ersatz im gewöhnlichen Joghurt herhalten.

Die wirklich verfügbare Menge an Edelmetallen oder anderen Rohstoffen macht nur einen geringen Teil des Volumens aus, das an den global wichtigen Terminbörsen gehandelt wird. Um das Volumen geht es an den Rohstoffbörsen nur sekundär, das Volumen ist ähnlich einer Verpackung. Dürfen es fünf oder zehn Kilo Waschpulver sein? 100 oder 1.000 Unzen Gold? Im Börsenjargon ist das ein Teil der Kontraktspezifikation. Gehandelt werden Volumina an Produkten, die es nicht gibt, die real nicht vorhanden sind. Entscheidend ist nur die durch Spekulation bzw. Zockerei (Trading genannt) erzielte Differenz, das Produkt ist zweitrangig. Gewinn macht, wer zuerst billig kauft und dann höher verkauft (Long-Position) oder umgekehrt, wer zuerst hoch verkauft und später günstiger einkauft (Short-Position). Es spielt keine Rolle ob man die Ware hat oder nicht, in den meisten Fällen zumindest. Wenn Sie allerdings zum Verfallstermin des Kontrakts nicht aufgepaßt haben, kann es sein, daß Sie diverse Unzen Gold liefern oder einen Tanklastzug Nordseeöl abnehmen müssen. Im wirklichen Terminkontrakthandel zählt nur die Differenz, die man entweder sofort erhält, oder sofort börsentäglich bezahlt. Dafür gibt es ausgeklügelte Abrechnungssysteme.

Rohstoffe, auch Aktien und Währungen, da spielt das innere Auge noch mit. Ein Montageband bei einem Autohersteller, einen George Washington auf einem Dollarschein, oder ein nicht existierendes europäisches Bauwerk auf einem EURO-Schein, das sieht man gerade noch vor sich. Das sind reale Dinge, die meisten Menschen denken gern in Bildern. Die „Creme de la Creme“ des Irrealen, der Handel mit dem wahrhaftig Virtuellen, das man in eine spezielle nominale Verpackung gesteckt hat, ist etwas ganz anderes. Es begleitet uns hautnah, unser Auge nimmt es nur als Zahl wahr, täglich werden wir damit konfrontiert und doch ist es nicht greifbar. Die Ware heißt „Zins“. Zins manifestiert sich als Zahl in „Prozent per anno“. „Zins handeln“ heißt nicht „Geld anlegen“, es bedeutet auch nicht „Zins verhandeln“. Mit „Zins spekulieren“ heißt über den künftigen Preis zu Geldes zu spekulieren.

„Zins handeln“ heißt die Erwartungen der möglichen Höhe eines Prozentsatzes namens Zins zu handeln, der sich (als Terminkontrakt) in einem Kurs manifestiert. Es ist im Grunde genommen der Handel der Erwartungen, über die Höhe oder den Stand eines Vehikels in der Zukunft, im Hier und Jetzt. Ob der Zins in einer bestimmten Zukunft, beispielsweise in drei Monaten, genauso sein wird wie heute gehandelt, steht auf einem anderen Blatt Papier. Aber man kann die Differenzen ausrechnen. Dafür gibt es ausgeklügelte Abrechnungssysteme.

Moderne vollelektronische Börsen handeln moderne Erwartungen. Die Börsen werden komplexer, die Erwartungen auch. Komplexe Erwartungen werden wiederum in komplexen Vehikeln gehandelt, z.B. Swaps. Man scheint verrückt zu werden, weil komplexe und komplizierte mathematische Modelle die Welt noch komplizierter machen. Was sich wiederum in einem neuen Finanzprodukt ausdrückt. Gott sei Dank bleibt der Börsenhandel noch auf die Erwartungen des Produkts beschränkt und nicht auf die Produktidee.

Trotz aller Komplexität bleibt noch die Bodenhaftung erhalten, denn das Grundprodukt bleibt erhalten. Wieder übertrieben dargestellt bleibt ein Knödel eben ein Knödel. Man kann ihn sofort einzeln verkaufen oder im Dutzend. Gewiefte Börsianer würden 1.000 Stück davon veroptionieren oder leer verkaufen. Futureshändler würden einen Knödel-Termin-Kontrakt erfinden, mit 10.000 Stück je Kontrakt, oder die Swapper würden Knödel gegen Gnocchi tauschen.

Dennoch, das Ungreifbare bleibt der Zins. Das ist so ähnlich, als würde man im Spielcasino die Erwartungen handeln, daß im nächsten Spiel am Roulettetisch die Kugel in das „36er-Fach“ fällt. Ich betone „die Erwartungen“, denn solange sich das Rouletterad dreht und die Kugel läuft, können Sie das Geschäft jederzeit schließen. Das wäre der feine Unterschied zum gewöhnlichen Roulettespiel. Nach dem Einsatz kann man da nicht mehr aussteigen.

„Moderne Geldmanager managen moderne Erwartungen in virtuelle Produkte“, so ähnlich könnte man das auf den Punkt bringen. Realwirtschaftlich wird zwar nichts produziert, aber über die Höhe des Zinses kann man die psychologische Komponente und das „Geldverhalten“ der Menschen, wie z.B. das Konsumverhalten, regulieren. Der Handel in die Erwartungen bestimmt das menschliche Verhalten. Clever, niemand ist sich so richtig darüber bewusst. Bis auf die, die sich schon ein paar Jahrhunderte lang mit den psychologischen Steuerungsmechanismen beschäftigen und die entsprechenden Produkte und die dazugehörenden Märkte erschaffen haben und selbst davon enorm profitieren. Auch wieder clever, und simpel noch dazu.

Im August 2015

DER BONDAFFE